Digitale Zweiklassengesellschaft

Unter Nerds kursiert folgender Witz:

Es gibt nur 10 Sorten von Menschen.
Jene die das binäre System verstehen und jene, die es nicht verstehen.

Und das trifft es ziemlich genau auf den Kopf.
Meine offizielle Jobbezeichnung ist im Moment System- und Netzwerktechniker. Mädchen für alles würde es wohl eher treffen, denn ich helfe unseren Benutzern bei verschiedenen Problemen. Diese verschiedenen Probleme sind es, die mich zu diesem Beitrag führen. Ich muss feststellen, dass viele Menschen an einfachsten Aufgaben rund um ihren Computer scheitern. Es mangelt an Flexibilität und Vorstellungsvermögen. Schnell frage ich mich jeweils, wie kann das ein Problem sein? Das ist doch das einfachste auf der Welt. Doch wenn ich es mir richtig überlege, greift das zu kurz. Die Menschen, die an der Technik scheitern, sind auf anderen Gebieten die besten ihres Fachs. Doch mit dem Compi stehen sie auf Kriegsfuss. Sie finden den Knopf nicht der die Lösung bring. Oft werden sie auch in die Irre geführt (Dark Pattern sei Dank). Hier tut sich ein massiver Graben auf, der jetzt, mit Corona, noch vergrössert wurde. Plötzlich ist die ganze Welt online und im Homeoffice und der arme Benutzer, der es schon zuvor nicht leicht hatte, fällt nun vollends ins Loch. Konnte er bis vor kurzem noch mit Stift und Papier in ein Sitzungszimmer, hockt er jetzt verloren vor seinem PC und kann sich nicht ins Onlinemeeting einloggen. Er versteht nicht, warum das jetzt mit dem Firefox Browser nicht geht, den er sonst immer verwendet (Danke Microsoft für nichts). Hat er dann endlich die richtige Applikation gefunden, funktioniert das Mikrofon nicht. Ah, stimmt. Am Notebook hat es schon eines, aber wenn er das Headset nutzen will, muss er das irgendwo umstellen. Hat er das richtige Mikrofon gefunden, so ist dieses entweder in der Meetting-App oder am Mikrofon selber stumm geschaltet. Bis er endlich mit den andern in Kontakt treten kann, ist schon das halbe Meeting vorbei.
Ich selber ertappe mich manchmal, wie ich mir an einfachen Dingen die Zähne ausbeisse. Zum Glück kann ich mir meist selber helfen (oder mit Hilfe von Foren). Aber das zeigt mir, wie schwer es erst für jemanden sein muss, der nicht so ein Technikenthusiast ist wie ich. Man könnte meinen, dass es jetzt langsam besser wird. Immerhin gibt es einige gute Ansätze. Es gibt Applikationen, die recht intuitiv zu bedienen sind. Aber es gibt noch eine Menge der andern. Und es kommt nun dazu, dass viele Hersteller versuchen, die Benutzer in ihren Produkten zu fangen (Vendor lock-in). Das führt dazu, dass die Interoperabilität leidet. Überall muss man ein Konto erstellen, sich anmelden, verbinden, Mailadressen angeben, Passwörter vergeben, es ist ein Graus. Inzwischen befürchte ich, dass es zu eben dieser digitalen Zweiklassensegelschaft kommen könnte. Auf der einen Seite die Menschen, die mit der Technik zu recht kommen, sich Online treffen, die Online Angebote nutzen können und sich so das Leben leichter machen. Auf der anderen Seite die Menschen, die es mit der Technik nicht so haben und deshalb überall ins Stolpern kommen. Sie haben Problem im Job, mit den Behörden, beim Bestellen von Waren, beim Fernunterricht, kurz, fast in allen Lebensbelangen.

Was kann man dagegen tun?

Die Digitalisierung aufhalten und sich wieder auf die alten Werte besinnen?
Wohl eher nicht. Wobei die „alten“ Werte im Grunde nicht falsch sind. Sie müssen nur den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen. Ich spreche hier von Vertrauen, Freiheit oder Selbstbestimmung.

Die Menschen richtig ausbilden, damit sie mit der Technik besser zu Gang kommen?
Sicher, Ausbildung ist wichtig. Doch wir können nicht aus allen Menschen Computergenies machen, die gleichzeitig auch noch was andere perfekt können. Das würde den Rahmen sprengen.

Der Markt wird das regeln!
Ja, ganz bestimmt wird er das. Zu seinen Gunsten, da wo der grösste Profit winkt. Mit halb lauteren Methoden (Ich sage noch mal Vendor lock-in).

Obwohl ich im Grunde gegen zu viel Reglementierung bin, so kann es doch sein, dass hier die Politik gefordert ist. Sei es, um die Freiheit der Menschen zu waren oder aber auch, um ihnen das digitale Leben zu erleichtern und sicherer zu machen. Es sollen mehr Normen erarbeitet und deren Einhaltung zwingend gefordert werden. Heute kann ich bei Hornbach eine M8 Mutter kaufen und beim Eisenwarenladen um die Ecke eine M8 Schraube und die passen zusammen. Haben sie schon mal versucht, ein Onlinemeeting von Zoom mit der Teams App zu bestreiten? Doch genau das sollte doch möglich sein. Die Benutzer sollten ihr bekanntes Werkzeug benutzen können, um mit anderen in Kontakt zu treten und sollten nicht gezwungen sein, ein neues Werkzeug anzuschaffen.
Es braucht Normen, die eine minimale Funktionalität herstellerübergreifend erlauben!
Diese Forderung ist nicht neu und auch in der digitalen Welt schon weit verbreitet. Dank Normen können Daten ausgetauscht und Hardware verschiedener Hersteller miteinander kombiniert werden. Doch genau das sind Bereiche, die den Endanwender nur wenig betreffen. Es braucht Normen, die auch für den Endanwender einen Vorteil bringen.

Mir ist schon klar, dass keiner bis hier her gelesen hat. Ich wollte es trotzdem mal aufschreiben.

4 Gedanken zu „Digitale Zweiklassengesellschaft

  1. Auch ich habe es gelesen und ich habe mich fast ein bisschen betroffen gefühlt! 🙂 Danke dass ich dich als System-und Netzwerktechniker an meiner Seite haben darf, kann. Und dass du mir , wenn auch für dich die einfachste Sache, hilfst.

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